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Interview zum Tarifstand Seehäfen

Interview zum Tarifstand Seehäfen

mit Prof. Dr. Thorsten Schulten, Leiter des Tarifarchivs des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf (www.tarifarchiv.de)

Prof. Dr. Thorsten Schulten ULRICH BAATZ Prof. Dr. Thorsten Schulten

ver.di: Kollege Schulten, du hast dich in der taz vom 24. August positiv über das Tarifergebnis für die deutschen Seehäfen geäußert. Warum interessierst du dich für die Tarifpolitik in den Seehäfen?

Thorsten Schulten: Als Leiter des WSI-Tarifarchivs gehört es zu meinen täglichen Arbeitsaufgaben, das aktuelle Tarifgeschehen in Deutschland zu beobachten. Das Tarifarchiv ist die zentrale Dokumentationsstelle aller DGB-Gewerkschaften. Wir sammeln nicht nur möglichst viele Tarifverträge, sondern erstellen auch regelmäßig Analysen zur aktuellen tarifpolitischen Entwicklung.

ver.di: Wie hast du vom Tarifvertrag für die Seehäfen erfahren?

Thorsten Schulten: Die Tarifauseinandersetzungen bei den Seehäfen habe ich schon seit Monaten verfolgt. Dies ist ja ein sehr gut organisierter Bereich, der lautstark auf sich aufmerksam zu machen weis. Hinzu kommt, dass den Seehäfen auch ökonomisch eine Schüsselfunktion zukommt. Wenn dann noch gegen Streikmaßnahmen geklagt wird und der oberste Arbeitgebervertreter gar öffentlich über eine Einschränkung des Streikrechts nachdenkt, ist es klar, dass es hier um eine sehr wichtige Tarifauseinandersetzung geht.

ver.di: Was ist aus Deiner Sicht das Besondere des Tarifabschlusses?

Thorsten Schulten: In der Folge des Ukraine-Krieges haben wir mittlerweile die höchste Inflationsrate in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Tarifpolitik ist unter solchen extremen Bedingungen oft überfordert. Bei den Seehäfen ist es hingegen gelungen, mit hohen Lohnzuwächsen eine angemessene Antwort zu geben.

ver.di: Wird denn mit dem Tarifabschluss die Inflation überhaupt ausgeglichen?

Thorsten Schulten: Wir wissen natürlich noch nicht, wie hoch die Inflationsrate am Ende des Jahres tatsächlich ausfallen wird. Im Juli 2022 stiegen die Preise gegenüber dem Vorjahresmonat um 7,5%. Für die große Mehrheit der Hafenbeschäftigten in den Containerbetrieben werden die Löhne um mehr als 9% erhöht. Es gibt bislang nur wenige Tarifabschlüsse, die in diesem Jahr Vergleichbares hinbekommen haben.

ver.di: Wie bewertest du die Laufzeit des Vertrages und die Erhöhung für 2023?

Thorsten Schulten: Angesichts der hohen Unsicherheiten über die weitere ökonomische Entwicklung hätte man sich natürlich auch eine kürzere Laufzeit vorstellen können. Eine zweijährige Laufzeit ist aber mittlerweile in Deutschland der tarifpolitische Standard. Vor diesem Hintergrund finde ich den Tarifabschluss bei den Seehäfen wirklich bemerkenswert. Bis zu einer Preissteigerung von 4,4% gibt es einen automatischen Inflationsausgleich. Steigen die Preise noch höher, muss es eine weitere Erhöhung um 1% geben, wenn der Güterumschlag gegenüber 2021 nicht zurückgegangen ist. Wenn die Inflation noch höher steigen würde, gibt es eine Verhandlungsverpflichtung und wenn dann kein Lösung gefunden wird, haben beide Tarifparteien ein Sonderkündigungsrecht. Mit einer solchen Inflationsklausel wird zumindest in Deutschland weitgehend tarifpolitisches Neuland betreten.

ver.di: Wie beurteilst Du den Abschluss in Bezug auf die so genannten C-Betriebe?

Thorsten Schulten: Das scheint tatsächlich der schwierige Punkt des Abschlusses zu sein. Bei den „C-Betrieben“ handelt es sich ja um Betriebe, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken und deshalb einen Beschäftigungssicherungsvertrag anwenden. Wie in anderen Branchen auch funktioniert dieser nach dem Motto: die Beschäftigten machen zeitlich befristete Konzessionen und der Arbeitgeber verzichtet dafür auf betriebsbedingte Kündigungen. Wie die Konzessionen genau aussehen, kann von Betrieb zu Betrieb ganz unterschiedlich sein. Dass diese Betriebe zusätzlich auch im Tarifvertrag schlechter gestellt werden, ist jedoch eher ungewöhnlich. Es ist deshalb klar, dass der Abschluss bei den betroffenen Beschäftigten keine Jubelstürme auslöst.

ver.di: Der taz gegenüber hast du gesagt, dass die Tarifeinigung bei den Seehäfen „einen Maßstab gesetzt“ habe. Gilt das trotz der kritischen Anmerkungen?

Thorsten Schulten: Absolut! Wir haben in diesen Tagen die Halbjahresbilanz des WSI-Tarifarchivs vorgelegt. Auf der Basis der bislang vorliegenden Tarifabschlüsse werden die Tariflöhne 2022 gerade einmal um 2,9% steigen. Dies liegt vor allen an den vielen Altabschlüssen aus 2021. Aber auch bei den Neuabschlüssen aus diesem Jahr liegt die durchschnittliche Lohnerhöhung nur bei 4,5%. Vor diesem Hintergrund kann sich der Abschluss bei den Seehäfen wirklich sehen lassen. Mehr noch: Er zeigt, dass auch unter schwierigen Bedingungen hohe Lohnzuwächse durchsetzbar sind.

ver.di: Danke für das Gespräch.

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